Erkenntnisquellen des christlichen Glaubens

Ich empfehle den Vortrag „Ziel und Methode der liberalen Theologie“ von Dr. Fabian Grassl.

Ab Minute 39:30 spricht er über die vier Erkenntnisquellen des christlichen Glaubens: Schrift, Vernunft, Tradition und Erfahrung. Dr. Fabian Grassl spricht bildlich von einem Vierergespann, da es vier unterschiedliche Quellen für die Erkenntnis gibt. Die entscheidende Frage ist, welches der vier Pferde das Zugpferd ist? Anders formuliert: Welches der vier Quellen ist die Wichtigste oder die Grundlegende?

In der liberale Theologie wurde zunächst die Vernunft als das Zugpferd verwendet. Wunder wurden wegerklärt, weil sie mit der Vernunft nicht erfasst werden konnten. Die Bibel wurde entmythologisiert und von allem befreit, was dem Verstand nicht passte. Später war es dann die Erfahrung, die in den Mittelpunkt rückte. Die Bibel war demnach nicht mehr das unfehlbare Wort Gottes, sondern ein menschliches Zeugnis von Gotteserfahrungen. Sie beschreibt also die subjektiven Erfahrungen von Menschen mit Gott und ist damit nicht automatisch göttlich. Der Theologe muss erst herausarbeiten, welche Aussagen in der damaligen Situation wichtig waren und welche Wahrheiten von universeller Bedeutung sind.

Bei den Traditionalisten ist es hingegen die Tradition, die an erste Stelle gesetzt wird. Das Ergebnis ist letztlich das Selbe: Das Wort Gottes wird abgewertet und im Endeffekt der Tradition angepasst, sie hat einen größeren Stellenwert. Sie steht nicht auf dem Fundament der Schrift, sondern die Schrift auf dem Fundament der Tradition. Traditionalisten neigen außerdem dazu, die Erfahrung zu stark zu betonen. Sie machen dies anders als die liberalen Theologen. Sie betrachten bestimmte Schriftstellen durch die Brille ihrer Erfahrungen (oder der Erfahrungen ihrer Väter) und kommen deshalb zu bestimmten Ergebnissen. Die Erfahrung ist das Zugpferd und die Schrift wird daran ausgerichtet.

Alle vier Quellen sind wertvoll, doch die Schrift allein sollte das Zugpferd sein. Die Vernunft, die Tradition und auch die Erfahrung müssen sich an der Schrift messen lassen. Wenn dies missachtet wird, ist es unausweichlich, dass man bei der Bibelkritik landet. Die Vernunft ist eine wichtige Quelle, die Gott uns gegeben hat, doch wenn wir sie an die höchste Stelle setzen, stellen wir uns über das Wort und beginnen das zu streichen, was wir mit unserem Verstand nicht erfassen können. Unser Verstand kann uns außerdem in die Irre führen, deshalb ist es nicht ratsam, ihn an die erste Stelle zu setzen. Genauso muss von Bibelkritik gesprochen werden, wenn man aufgrund der Erfahrung meint, eine Bibelstelle nicht umsetzen zu können. „Die Erfahrung lehrt uns, dass diese Bibelstelle so nicht angewandt werden kann.“ Das gleiche Problem liegt vor, wenn die Tradition das Zugpferd wird. Tradition ist eine menschliche Einrichtung, die ihren Wert hat, aber nicht dazu taugt um allgemeingültige Aussagen zu formulieren. Traditionen entstehen und lösen sich auf, das Wort Gottes hingegen wird nicht vergehen (Mt. 24,35).