Ich las unseren Kindern kürzlich das erste Buch der Narnia-Reihe vor: Das Wunder von Narnia. Dieses Buch bildet den Einstieg in das Narnia-Universum und erzählt davon, wie alles begann.
Inhalt
Das Wunder von Narnia erzählt die Geschichte von der Entstehung Narnias und wie das Böse in diese Welt einzog. Die beiden Kinder Digory und Polly gelangen mithilfe von besonderen Ringen in unterschiedliche Welten, zunächst nach Charn und später nach Narnia. Sie erleben die Schöpfung von Narnia durch den Löwen Aslan, wecken die böse Königin Jadis aus ihrem Zauberschlaf und haben später eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Nach all ihren Abenteuern kehren die Kinder in die normale Welt zurück und behalten vor allem Aslan in Erinnerung.
Eine Kindergeschichte?
C. S. Lewis schrieb die Chroniken von Narnia in erster Linie für Kinder. Dies wird vor allem darin deutlich, dass die Hauptcharaktere zwei Kinder sind. Die Geschichte ist in einer einfachen Sprache geschrieben, sodass Kinder sie gut verstehen können. Der Autor wendet sich während der Geschichte immer wieder an den Leser und bezieht ihn mit ein, was für Kinderbücher typisch ist. Die Geschichte ist mit einer guten Portion Humor angereichert. Es gab einige Stellen, an denen die Kinder lachen mussten (vor allem die Szene mit den Tieren und Onkel Andrew).
Das Buch enthält allerdings auch einige Passagen, die über eine reine Kindergeschichte hinausgehen und auf moralische und theologische Fragestellungen verweisen. Die Erzählung bietet somit auch für Erwachsene einen Mehrwert, gerade wenn man die tiefere Bedeutungsebene entdeckt. Geschichten waren für Lewis eine Art, wie er sein Verständnis der Welt und des Christentums transportierte. Genau dies zeigt sich in den Chroniken von Narnia. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Chroniken von Narnia nicht nur Kinder faszinieren, sondern auch Erwachsenen einigen Stoff zum Nachdenken bieten.
Geschichten zur Vermittlung der christlichen Weltsicht
Das Wunder von Narnia und generell die gesamte Reihe zeichnet aus, dass Lewis dort bewusst Bezüge zum Christentum geschaffen hat. Lewis verwendet die Geschichten u.a. dafür, um dadurch sein Verständnis der Welt und des Christentums zu den Lesern zu transportieren. Er war der Überzeugung, dass Geschichten eine starke Möglichkeit bilden, um Werte und Überzeugungen zu vermitteln.
Alister McGrath schreibt:
„Eine gute Geschichte, so erkannte er [Lewis], schlägt die Vorstellungskraft in ihren Bann. Sie kann die „wachsamen Drachen“ eines dogmatischen Rationalismus umgehen. Lewis entdeckte, dass Fantasy-Romane wie die von George MacDonald ihm halfen, die Begrenztheit seines strengen Atheismus zu durchschauen. Sie zeigten ihm, dass ihm etwas im Leben fehlte, wenn es auch noch ein paar Jahre dauern sollte, bis er herausfand, was das eigentlich war. Konnte er anderen helfen, dieselbe Entdeckung zu machen? Schließlich war er doch ein anerkannter Lehrer der Literatur. Warum also nicht selbst Literatur schreiben, statt nur über Literatur zu dozieren?“
Lunch mit C.S. Lewis, MacGrath, S. 57
Lewis legt seine Sichtweise in diesem Fall nicht mit logischen Argumenten dar, wie McGrath betont, sondern malt sie als fesselnde Geschichte vor Augen. (Vgl. Ebd. S. 58)
Die Chroniken von Narnia sind also eine Möglichkeit, die christliche Weltsicht in einer Geschichte verpackt, kennen zu lernen. Lewis wollte damit Autoren wie H.G. Wells etwas entgegensetzen, die ebenfalls Geschichten schrieben und dort z.B. den säkularen Humanismus transportierten.
Bemerkenswerte Passagen
Das Buch enthält einige bemerkenswerte und zitierwürdige Stellen. Es folgen meine persönlichen Favoriten:
Als Digory das erste mal in den Wald zwischen den Bäumen kam:
Das Eigenartigste war, dass Digory schon fast vergessen hatte, wie er hierher gekommen war, noch bevor er sich recht umschaute. Jedenfalls dachte er keineswegs an Polly oder an seinen Onkel – ja, nicht einmal an seine Mutter. Kein bisschen Angst hatte er und aufgeregt oder neugierig war er auch nicht. Wenn ihn einer gefragt hätte: »Wo kommst du her?«, hätte er wohl geantwortet: »Ich war schon immer hier.« Und so kam es ihm auch vor – als wäre er schon immer an diesem Ort gewesen und hätte noch nie Langeweile verspürt, obwohl nie etwas passierte. Lange danach sagte er: »Es war kein Ort, an dem etwas geschieht. Die Bäume wachsen und das ist alles.« (Seite 32)
Die Versuchung in der großen Halle (Seite 50):
Schlag die Glocke, ruf die Gefahr,
Oder schlag sie nicht, doch dann fürwahr
Wirst du dich bis zum Wahnsinn fragen,
Was geschehn wäre, hättest du sie geschlagen.
Die Verblendung des Stolzes:
»Es war die Schuld meiner Schwester« erklärte die Königin. »Sie hat mich dazu getrieben. Möge der Fluch aller Mächte für immer und ewig auf ihr lasten! Ich war stets bereit, mich mit ihr zu versöhnen – ja sogar das Leben wollte ich ihr schenken, wenn sie mir nur den Thron abgetreten hätte. Aber das tat sie nicht. Ihr Stolz war es, der die Zerstörung der ganzen Welt herbeigeführt hat.« (Seite 59)
»Und was geschah mit mit all den anderen Lebewesen?«Digory war entsetzt. »Mit welchen Lebenwesen?«, fragte die Königin. »Mit den ganz normalen Leuten, die Ihnen nie was zu Leide getan haben«, sagte Polly. »Mit all den Frauen und Kindern, mit den Tieren?« »Versteht ihr denn nicht?«, fragte die Königin, immer noch zu Digory gewandt. »Ich war die Königin. Sie gehörten alle mir. Sie waren doch zu keinem anderen Zweck da, als mir zu Willen zu sein.« (Seite 60)
Digory und Polly mit der Königin in Onkel Andrews Büro:
Die beiden beachtete sie nicht, jetzt wo sie mit ihnen allein war. Das sah ihr ganz ähnlich. In Charn hatte sie Polly bis ganz zum Schluss keinerlei Beachtung geschenkt, weil es Digory war, den sie benutzen wollte. Jetzt, wo sie Onkel Andrew hatte, war Digory völlig vergessen. So ist es vermutlich bei den meisten Hexen. Sie interessieren sich nur für Dinge oder Menschen, die ihnen etwas einbringen. Sie sind sehr praktisch veranlagt. (Seite 72)
Die Rechtfertigung der Sünde
»Gemein?« sagte Onkel Andrew. Er sah verwirrt aus. »Oh, ich verstehe. Du meinst, ein kleiner Junge muss sein Versprechen halten. Sehr richtig; so gehört es sich. Davon bin ich überzeugt, und ich bin froh, dass man dich so erzogen hat. Aber du musst wissen, dass solche Regeln – wie gut sie für kleine Jungen, für Bedienstete, für Frauen und für die Leute ganz allgemein auch sein mögen – keinesfalls für Wissenschaftler, für große Denker und Weise gültig sein können. Nein, Digory. Männer wie ich, die im Besitz geheimer Weisheiten sind, unterliegen nicht den gewöhnlichen Gesetzen. Desgleichen sind uns die gewöhnlichen Freuden verschlossen. Unser Los, mein Junge, ist bedeutungsschwer und voller Einsamkeit.« (Seite 22)
»Ich hatte vergessen, dass du nur ein gewöhnlicher Junge bist. Wie solltest du auch etwas über staatspolitische Hintergründe wissen? Du musst lernen, dass das, was für dich und Leute deines Schlags verboten ist, durchaus erlaubt sein kann für eine mächtige Königin wie mich. Auf unseren Schultern ruht die Last der Welt. Wir sind von allen Gesetzen entbunden. Unser Los ist bedeutungsschwer und voller Einsamkeit. (Seite 61)
Veränderung durch Gemeinschaft
Erst jetzt entdeckten die Kinder die beiden. Sie trugen fremdartige , herrliche Gewänder. Vier Zwerge trugen die Schleppe des Königs, vier Flussnymphen die der Königin. Ihre Häupter waren bloß; doch Helen hatte ihr Haar gelöst und sah jetzt viel schöner aus. Überhaupt wirkten die beiden inzwischen völlig anders, aber das lag weder am Haar noch an den Gewändern. Nein, ihre Gesichter hatten sich verändert. Vor allem das des Königs. Die ganze Schärfe, die Bauernschläue und die Streitbarkeit, die er sich als Londoner Droschkenkutscher angeeignet hatte, waren wie weggeblasen, und nun traten sein Mut und seine Güte klar zu Tage, Eigenschaften, die er schon immer besessen hatte. Vielleicht lag das an der Luft dieser jungen Welt, vielleicht auch an den Gesprächen mit Aslan, vielleicht auch an beidem. (S. 157-158)
