In der Wissenschaft kommt es immer wieder vor, dass die Ursache mit der Wirkung verwechselt wird oder eine falsche Ursache angenommen wird. So geben manche Eliteuniversitäten teilweise nur mittelmäßigen Unterricht, die Abgänger sind aber trotzdem häufig sehr gut. Die Ursache liegt in solchen Fällen nicht an den herausragenden Dozenten, sondern am guten Ruf der Universität. Dieser gute Ruf führt dazu, dass sich nur die Besten bewerben und wegen des Auswahlverfahrens nur die Allerbesten einen Platz bekommen.
Wenn es um das Heil in Christus geht, geschieht auch immer wieder eine Vertauschung von Ursache und Wirkung. Die Schrift lehrt eindeutig, wie Menschen in Jesus Heil werden können: Es geschieht ohne Werke, allein aufgrund des Glaubens. Ja, durch Werke kann niemand gerechtfertigt werden. In Galater 2,16 formuliert es Paulus klar: [doch] weil wir erkannt haben, dass der Mensch nicht aus Werken des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, so sind auch wir an Christus Jesus gläubig geworden, damit wir aus dem Glauben an Christus gerechtfertigt würden und nicht aus Werken des Gesetzes, weil aus Werken des Gesetzes kein Fleisch gerechtfertigt wird.
Heil wird man in Christus allein durch Glauben, der Weg über das Gesetz ist ausgeschlossen. Dies hatte der Apostel erkannt und dies war seine Verkündigung. Die Reformatoren haben diesen Gedanken in der kurzen lateinischen Formel „sola fide“ (Allein durch Glauben) zum Ausdruck gebracht. Der Glaube ist dabei kein Werk, da einen Glaubenden ausmacht, dass er zu Jesus kommt und sagt: „Ich bin voller Sünde, ich gehe verloren, ich brauche dich! Nur du kannst mich retten und heil machen!“ Es bedeutet eben nicht auf sich oder seine Leistungen zu sehen, sondern auf Jesus Christus und von ihm alles zu erwarten.
Durch den Glauben allein werden wir also Heil und folgen anschließend Jesus nach und sind ihm gehorsam. Die Ursache ist die Errettung in Christus durch den Glauben und die Wirkung sind die guten Werke. Die guten Werke folgen der Errettung, sie sind Ausdruck des Errettetseins. Genau hier kommt es immer wieder zur Vertauschung. Die Ursache wird mit der Wirkung vertauscht. Dies ist dabei kein neues Problem, sondern eines mit dem Paulus schon zu kämpfen hatte. Gerade die Galater hatten damit zu tun. In ihren Reihen waren die Judaisten, die auch an Jesus Christus glaubten. Sie sagten ebenfalls, das Jesus der Messias ist. Nur machten sie einen entscheidenden Unterschied, indem sie sagten: „Ja, du musst an Jesus Christus glauben, dann musst du aber auch das Gesetz halten (gute Werke verrichten) und anschließend wirst du gerettet.“ Die guten Werke sind demnach nicht die Wirkung der Errettung, sondern die Ursache.
Das ist religiöses Denken. In allen Religionen gilt es, etwas zu tun, um Gott gnädig zu stimmen oder um das Ziel zu erreichen. Das ist zutiefst menschlich und zutiefst sündig. Letztlich ist es der Weg, über den wir Menschen uns das Heil selbst erarbeiten müssen. Die Werke sind die Ursache, die Wirkung ist das Heil. Die Aussage des Christentums im Bezug auf das Heil ist demgegenüber nicht „Tun!“, sondern „Getan!“.
Eine Spielart dieser Vertauschung ist das Denken, dass man zwar durch Glauben alleine gerettet wurde, aber nun als Christ gute Werke verrichten muss, um errettet zu bleiben. D.h. die guten Werke sind praktisch die Ursache dafür, dass man gerechtfertigt bleibt. Auch dieses Denken adressiert Paulus im Galaterbrief und schreibt in Kapitel 3,1-3: O ihr unverständigen Galater, wer hat euch verzaubert, dass ihr der Wahrheit nicht gehorcht, euch, denen Jesus Christus als unter euch gekreuzigt vor die Augen gemalt worden ist? Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist durch Werke des Gesetzes empfangen oder durch die Verkündigung vom Glauben? Seid ihr so unverständig? Im Geist habt ihr angefangen und wollt es nun im Fleisch vollenden?
Der Apostel bringt es hier sehr gut auf den Punkt, das Heil ist und bleibt mit dem Glauben verbunden, da können keine Werke etwas dazu beitragen. Die Werke sind immer Ausdruck des Glaubens, sie sind Folge des Heils und niemals ihre Ursache. Gerade deshalb musste Jesus am Kreuz sterben, weil wir Menschen dazu unfähig sind uns selbst zu erlösen, weder vor noch nach der Bekehrung. In Kolosser 2,6 heißt es: Wie ihr nun Christus Jesus, den Herrn, angenommen habt, so wandelt auch in ihm. Wie haben die Kolosser denn Christus angenommen? Kamen sie mit ihren ganzen guten Werken an und Jesus hat sie auf dieser Grundlage angenommen? Nein, sie kamen als Bettler, die nichts zu bieten hatten. Sie kamen als Sünder, die Vergebung brauchten. Paulus sagt nun: „So wandelt auch in ihm“. Genau so gilt es als Christ zu leben. Mit dieser demütigen Einstellung die man bei der Bekehrung hatte, mit diesem Verständnis, dass unser Heil auch weiterhin allein im Werk Jesu zu finden ist. Solche Menschen setzen ihr Vertrauen allein auf Jesus, sie verstehen, dass ihre Errettung einfach nur Gnade ist.
Luther hat den Zusammenhang zwischen Glaube und Werke in etwa so formuliert: „Wir werden allein durch Glauben gerettet, aber nicht durch einen Glauben der alleine bleibt“. Der Glaube bleibt in dem Sinne nicht allein, dass gute Werke folgen werden. Sie zeigen den wahren Glauben, ja es kann garnicht anders sein. Wenn wir von Jesus errettet wurden und verstehen was am Kreuz geschehen ist, dann ist unser Herz mit Dankbarkeit und Liebe erfüllt. Es ist dann eine natürliche Reaktion, dass wir unserem Retter dienen und nachfolgen wollen. Es ist aber auch der klare Anspruch Jesu. Er ist nicht nur der Heiland, sondern auch der Herr. Die ersten Christen sprachen nicht zufällig davon, dass Jesus der Kyrios (Herr) ist. Er ruft Menschen in seine Nachfolge, er ruft Menschen in seinen Herrschaftsbereich. Das ist die Wirkung, wenn wir in Christus Heil geworden sind.
Zum Schluss möchte ich noch auf Problem eingehen, welches häufig auftritt, wenn Ursache und Wirkung vertauscht werden. Es ist die fehlende Heilsgewissheit. Wenn die Werke die Grundlage des Angenommenseins bei Gott wären oder das Heil davon abhinge, dann wäre tatsächlich keine Heilsgewissheit möglich. Jeder von uns sündigt jeden Tag, ob Christ oder Nichtchrist. Wir brauchen nur das erste der zehn Gebote anzusehen und schon sind wir überführt. Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft, herausgeführt habe. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben! Hier geht es um viel mehr, als vor einer Figur oder Statue niederzufallen und sie anzubeten. Wenn wir jemanden oder etwas anderes mehr lieben als Gott, dann übertreten wir dieses Gebot. Wenn wir nicht in jedem Augenblick unseres Lebens immer primär Gott die Ehre geben, dann brechen wir das erste Gebot. Wenn Gott nicht zu jeder Zeit unsere größte Freude und unser einziger Trost im Leben und Sterben ist, dann sind wir Übertreter des Gesetzes! Auf dem Fundament der Werke ist keine Heilsgewissheit möglich!
Heilsgewissheit ist nur möglich, wenn wir auf Christus schauen und von ihm alles erwarten. Er ist unser Heil, in ihm ist die Errettung, sein Blut reinigt uns von jeder Sünde, er ist unsere Gerechtigkeit. Wenn wir auf das Kreuz sehen, dann bekommen wir Zuversicht und dürfen Heilsgewissheit haben. Das Werk Jesu ist die Grundlage unserer Errettung, das im Glauben angenommen wird. Die Folge davon ist dann ein Leben zur Ehre Gottes aus Liebe und Dankbarkeit.
Denn die Liebe des Christus drängt uns, da wir von diesem überzeugt sind: Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben; und er ist deshalb für alle gestorben, damit die, welche leben, nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und auferstanden ist. 2. Korinter 5,14-15
