In der Informationstechnik gibt es zwei unterschiedliche Ansätze, wie man bspw. mit ankommenden Netzwerkpaketen umgeht: Blacklist- und Whitelist-Ansatz. Der Blacklist-Ansatz geht nach folgender Logik vor: Was explizit auf der Liste steht, das ist verboten, alles andere ist erlaubt. Der Whitelist-Ansatz dreht diese Logik um: Was explizit auf der Liste steht, ist erlaubt, alles andere ist verboten. Je nachdem was man erreichen möchte, verwendet man entweder eine Black- oder eine Whitelist.
Dieses Konzept möchte ich darauf adaptieren, was der Älteste in der Gemeinde fordern darf und was nicht. Ich habe in diesem Zusammenhang schon öfters eine Aussage gehört, die dem Blacklist-Ansatz entspricht: „Der Älteste darf alles fordern, solange es der Schrift nicht widerspricht.“ Nur wenn eine Forderung konkret gegen die Schrift geht, dürfen Gemeindeglieder ungehorsam sein. Diesem Ansatz folgend haben Älteste sehr weitreichende Befugnisse in der Gemeinde. Sie können an sehr vielen Stellen in das Leben ihrer Gemeindeglieder eingreifen und ihnen Vorschriften machen. Sie können ihnen z.B. verbieten, rote Kleidungsstücke zu tragen oder verbieten ihnen einen bestimmten Messenger zu verwenden. Es widerspricht keiner konkreten Bibelstelle und ist somit das Recht des Ältesten.
Häufig wird in diesem Zusammenhang auf die Bibelstelle aus Heb. 13,17 hingewiesen: Gehorcht euren Führern und fügt euch ihnen; denn sie wachen über eure Seelen als solche, die einmal Rechenschaft ablegen werden, damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn das wäre nicht gut für euch! Tatsächlich fordert die Schrift den Gehorsam der Gemeindeglieder gegenüber dem Ältesten ein, dies steht auch gar nicht zur Debatte. Gott setzt Älteste ein, damit sie seine Herde führen, über die Seelen der Gläubigen wachen und sie recht belehren. Sie haben von Gott Verantwortung für andere Christen erhalten und müssen einmal vor Gott Rechenschaft dafür ablegen. Der Hebräerschreiber verwendet in diesem Text zwei Worte, um den Gehorsam gegenüber den Führern zum Ausdruck zu bringen. Das Wort am Anfang des Verses, welches Schlachter mit „Gehorcht“ übersetzt ist peithō. Am häufigsten wird es mit „überzeugen“ ins Deutsche übersetzt, außerdem aber auch mit „Vertrauen“, „überreden“, „gehorchen“. Es geht also um keinen blinden Gehorsam, sondern einen Gehorsam der aus Überzeugung erfolgt. Das zweite Wort „fügt“ lautet im Griechischen hypeikō. Es kann auch mit „anerkennen“, „sich unterwerfen“ oder „untertan sein“ wiedergegeben werden. Es kommt im NT nur an dieser Stelle vor und bringt eine freiwillige, bewusste Unterordnung zum Ausdruck.
Es ist also unbestritten, dass Gemeindeglieder sich den Ältesten unterordnen sollen. Die Frage ist nur, wo die Grenzen des Gehorsams sind? Oder anders formuliert: Wie weit darf der Älteste gehen? Darf er alles fordern, solange es der Schrift nicht konkret widerspricht? Ist der Blacklist-Ansatz biblisch?
Aufschlussreich ist hier der Vers 7, der im gleichen Kapitel steht: Gedenkt an eure Führer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; schaut das Ende ihres Wandels an und ahmt ihren Glauben nach! Das was die Führer hier charakterisiert ist, dass sie das Wort Gottes gesagt haben. Es geht um Männer, die von der Schrift geprägt sind, die mit dem Wort leben und mit dem Wort Menschen überzeugen. Sie geben nicht ihre eigenen Vorstellungen weiter, sondern das Wort Gottes. Sie binden sich an das Wort. Das was dieser Vers hier beschreibt, ist der Whitelist-Ansatz. Die Ältesten fordern nur das, was das Wort Gottes fordert. Ihr Rahmen ist die Schrift, in diesem Rahmen bewegen sie sich.
In 1. Pet. 5,4 betont der Apostel, dass die Hirten der Gemeinde unter dem obersten Hirten (Erzhirten) Jesus Christus stehen. Nicht sie sind es, die sagen wo es lang geht und was zu tun ist, sondern Jesus Christus. Er ist das Haupt der Gemeinde (Kol. 1,18). Er bestimmt den Kurs, er sagt was richtig und was falsch ist. Ihre Aufgabe ist es, ihrem Erzhirten Jesus Christus zu folgen und die Gemeinde zu dem Erzhirten zu führen. Die Hirten der Gemeinde sind demnach dazu aufgefordert das zu lehren, was Christus lehrt. Dort kommt auch ihre Autorität her. Sie sind ihrem Hirten Jesus Christus treu, sie sind ihm gehorsam und geben sein Wort weiter. Sie sprechen also nicht in ihrem eigenen Namen, geben nicht ihre eigenen Vorstellungen weiter, sondern Gottes Wort. Deshalb sind die Glieder der Gemeinde auch verpflichtet zu gehorchen. Sie gehorchen Gott, weil Gott gesprochen hat und der Älteste dies weitergibt.
Eine weitere wichtige Stelle, die den Whitelist-Ansatz verdeutlicht ist 1. Pet. 4,10-11:
Dient einander, jeder mit der Gnadengabe, die er empfangen hat, als gute Haushalter der mannigfaltigen Gnade Gottes: Wenn jemand redet, so [rede er es] als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so [tue er es] aus der Kraft, die Gott darreicht, damit in allem Gott verherrlicht wird durch Jesus Christus. Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
Petrus setzt in diesem Text den Rahmen, für diejenigen, die in der Gemeinde durch das Reden dienen. Er sagt was der Inhalt des Redens sein soll: die Aussprüche Gottes, also das Wort Gottes. Die Ältesten belehren die Gemeinde vor allem durch das Reden, indem sie verkündigen oder durch Einzelgespräche usw. Dieses Reden soll Wort Gottes sein. Sie geben also nicht das Wort Gottes weiter und daneben auch ihre Vorstellungen und Gedanken. Sie legen der Gemeinde keine Regeln auf, die sie neben der Schrift für notwendig erachten, nach dem Motto: „Solange es der Schrift nicht widerspricht, sind wir dazu berechtigt“. Nein, sie reden das was sie reden, als Aussprüche Gottes und nichts darüber hinaus.
Herbert Jantzen schreibt:
Die Hauptlehren der Heiligen Schrift: Band 7b Verantwortung und Wegbestimmung in der Gemeinde, Seite 7.
Wenn ich sage: „Wo die Schrift mich nicht verpflichtet, bin ich frei zu tun, was ich will“, ist die Schrift nicht mein alleiniger Maßstab. Ich habe dann bereits zwei Autoritäten: die Schrift und mich selbst. Das geht aber nicht. Wir sind ganz auf die Schrift gestellt und haben in allen Bereichen unseres Lebens auf sie zu hören.
Die gilt genauso, wenn Älteste sagen: „Wenn es der Schrift nicht widerspricht, darf ich das regeln“ Auch da wird neben der Schrift eine weitere Autorität aufgerichtet. Dies widerspricht aber eindeutig dem Selbstanspruch des Wortes Gottes höchste Autorität zu sein. Die Autorität der Ältesten ist immer abgeleitete Autorität. Sie haben dann Autorität, wenn sie das Wort Gottes weitergeben.
Bedeutet dies nun, dass Älteste nichts selbst regeln dürfen? Ich denke nicht. An dieser Stelle müssen wir zwischen geistlichen und organisatorischen Fragen unterscheiden. In geistlichen Fragen und Fragen der Lehre ist immer die Schrift zu gebrauchen. In Fragen der Organisation darf der Älteste hingegen sehr wohl konkrete Regelungen etablieren. Das Wort Gottes sagt nicht konkret, wie der Gottesdienst zu gestalten ist oder wie häufig Gottesdienste stattzufinden haben usw. Dies sind organisatorische Regelungen die in Gemeinden unterschiedlich getroffen werden und wo solch eine Regelung auch notwendig ist. Sie sind für Gemeinschaft überhaupt erst die Grundlage. Diese organisatorischen Fragen haben dabei nicht die gleiche Autorität, wie geistliche Fragen. Sie dienen dem geordneten Zusammenleben in der Gemeinde, binden aber nicht das Gewissen, wie es bei geistlichen Fragen der Fall ist.
Die Autorität der Ältesten in der Gemeinde ist keine eigenständige, sondern eine von Gott abgeleitete Autorität und findet ihre klare Grenze im Wort Gottes. Gehorsam gegenüber den Ältesten ist daher immer Gehorsam gegenüber Gott und setzt voraus, dass sie Gottes Wort weitergeben. Eine biblische Gemeindeleitung folgt deshalb nicht dem Blacklist-, sondern dem Whitelist-Ansatz: Sie fordert nur das, was Gott selbst fordert, und dient der Gemeinde innerhalb dieses Rahmens.
PS: Als Ergänzung empfehle ich den Artikel Gottes Wort und Autorität.
