Frühe Kirchenväter und freier Wille

Wie standen die frühen Kirchenväter vor Augustinus (4. Jh. n. Chr.) zum freien Willen des Menschen? Es ist bemerkenswert, dass vor Augustinus keiner die Prädestination lehrte und viele Werke der frühen Väter vorhanden sind, in denen der freie Willen des Menschen verteidigt wird. Was veranlasste die Kirchenväter sich zu diesem Thema zu äußern? Es waren vor allem die falschen Lehren der Gnostiker und Stoiker, welche eine verzerrte oder ablehnende Haltung im Bezug auf den freien Willen einnahmen. Die frühen Kirchenväter vertraten hier eine eindeutige und klare Position.

Justin der Märtyrer (100-165 n. Chr.):

da Gott wollte, daß Engel und Menschen seinem Willen gehorchen, wollte er dieselben, damit sie gerecht handeln, mit freiem Willen ausstatten, ihnen, damit sie wissen, wer sie erschaffen hat, und um wessen willen sie aus dem Nichts ins Dasein gerufen worden sind, Verstand geben und ein Gesetz, damit sie gerichtet werden, wenn sie gegen den gesunden Verstand handeln. Wir selbst, Menschen wie Engel, werden die Schuld an unserer Verurteilung sein, wenn wir sündigen und uns nicht rechtzeitig bekehren. 2. Wenn der Logos Gottes die sichere Bestrafung gewisser Engel und Menschen prophezeit, so hat er es deshalb getan, weil er vorauswußte, daß sie verstockte Sünder sein werden, nicht aber deshalb, weil Gott sie zu Sündern gemacht hat. Daher können alle, wenn sie wollen, an der göttlichen Barmherzigkeit teilhaben; sie brauchen sich nur zu bekehren. Solchen prophezeit der Logos Glück mit den Worten: ‚Selig der Mann, dem Gott die Sünde nicht anrechnet’, das heißt derjenige, welcher seine Sünden bereut und daher Nachlassung der Sünden von Gott erhält

Dialog mit dem Juden Tryph, 141.

Irenäus von Lyon (130-202 n. Chr.):

Jenes Wort: „Wie oft wollte ich versammeln deine Söhne, und du hast nicht gewollt“, weist auf das alte Gesetz von der Freiheit des Menschen hin. Denn frei hat ihn Gott im Anfang erschaffen, mit eigener Macht wie mit eigener Seele, sodaß er mit freiem Willen ohne Zwang von Seiten Gottes Gottes Einsicht folgen sollte. Denn bei Gott ist kein Zwang; gute Erkenntnis aber ist bei ihm immerzu, und deswegen gibt er auch allen guten Rat. Er legte aber in den Menschen wie in die Engel die Gewalt zu wählen, denn auch die Engel sind mit Vernunft begabt, damit die, welche ihm gehorchen würden, mit Recht das Gute besäßen, von Gott verliehen, aber von ihnen bewahrt. Die aber ihm nicht gehorchten, die werden gerechterweise nicht bei dem Guten gefunden und empfangen die verdiente Strafe. Gab ihnen doch Gott in seiner Güte das Gute; sie aber bewahrten es nicht sorgfältig, noch erachteten sie es als wertvoll, sondern verachteten die überaus große Güte.

Gegen die Häresien, IV,37,1.

Weil jedoch der Mensch von Anfang an einen freien Willen hat, wie Gott einen freien Willen hat, nach dessen Ebenbild er erschaffen worden ist, so gibt er ihm immer den Rat, das Gute festzuhalten, welches im Gehorsam gegen Gott vollendet wird.

Gegen die Häresien, IV,37,4.

Aber nicht nur in den Werken, sondern sogar im Glauben hat Gott die Freiheit und Selbstentscheidung des Menschen beachtet, indem er spricht: „Nach deinem Glauben möge dir geschehen“, womit gesagt ist, daß der Glaube ebenso Eigentum des Menschen ist wie sein freier Wille. Und abermals heißt es: „Alles ist möglich dem, der da glaubt“, und: „Gehe, wie du geglaubt hast, soll dir geschehen!“ Alle derartigen Stellen lehren, daß der Glaube von der freien Zustimmung des Menschen abhängt. Deswegen hat auch „der, welcher ihm glaubt, das ewige Leben; wer aber dem Sohne nicht glaubt, der hat nicht das ewige Leben, sondern der Zorn Gottes wird über ihm bleiben“. In dem Sinne also erklärt der Herr das Gute für sein Eigentum und beläßt dem Menschen den freien Willen und die Selbstentscheidung, wenn er zu Jerusalem spricht: „Wie oft wollte ich deine Söhne versammeln, wie die Henne ihre Küchlein unter den Flügeln, und du hast nicht gewollt. Deshalb wird euch euer Haus öde gelassen werden“.

Gegen die Häresien, IV,37,5.

Origenes (185-254 n. Chr.):

Wir wollen nun sehen, ob auch Paulus uns freien Willen und die eigene Wahl des Verderbens, oder des Heiles zuschreibt. Verachtest du, sagt er, den Reichthum der Güte, der Geduld und der Langmuth Gottes, und verkennst, daß dich die Güte Gottes zur Buße leitet? Aber durch deine Hartnäckigkeit und dein unbußfertiges Herz häufst du dir Zorn auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes (u. s. w. Röm. 2, 4—10.). So gibt es denn unzählige Stellen der heiligen Schrift, die unzweideutig die Freiheit des Willens behaupten.

Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft, III,1,6.

Cyrill von Jerusalem (313-387 n. Chr.):

Doch nicht nur Holz und Stein, sogar auch den Satan, den Seelenverderber, haben sich schon einige zum Vater erwählt. Gegen sie richtete der Herr den Vorwurf: „Ihr tut die Werke eures Vaters“, des Teufels, welcher nicht der Natur nach, sondern infolge Verführung Vater der Menschen ist. Gleichwie Paulus wegen des religiösen Unterrichtes Vater der Korinther genannt wurde, so wird der Teufel Vater derer genannt, welche freiwillig mit ihm laufen. Nicht werden wir jene dulden, welche das Wort: „Daraus erkennen wir die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels“ falsch in der Weise auffassen, als ob manche Menschen naturnotwendig selig würden, manche naturnotwendig zugrunde gingen. Nicht Zwang, sondern freier Wille läßt uns zu solch heiliger Kindschaft kommen. Nicht von Natur aus war der Verräter Judas ein Sohn des Teufels und des Verderbens. Sonst hätte er keinesfalls anfangs im Namen Christi Teufel ausgetrieben; denn der Teufel treibt nicht den Teufel aus. Nicht wäre Paulus aus einem Verfolger ein Prediger geworden. Die Kindschaft beruht auf freiem Willen, wie Johannes sagt: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er die Kraft, Kinder Gottes zu werden, sofern sie an seinen Namen glaubten“. Nicht nämlich vor dem Glauben, sondern auf Grund des freien Willens, infolge des Glaubens, wurden sie gewürdigt, Kinder Gottes zu werden.

Katechesen an die Täuflinge. VII Über den Vater, 13.

Johannes Chrysostomus (344-407 n. Chr.):

Wenn wir daher fest und unbeweglich dastehen wollen, werden wir nicht wanken. Durch obige Worte hat er Dieses angedeutet. Wie aber? Liegt denn Nichts mehr in der Kraft Gottes? Alles liegt in der Gewalt Gottes, aber nicht so, daß unser freier Wille verletzt würde. Wenn nun, sagt man, Gottes Macht Alles thut, wie kann er uns dann schuldig erklären? Darum habe ich gesagt: Aber nicht so liegt Alles in Gottes Gewalt, daß dadurch unser freier Wille verletzt würde. Es liegt also an uns und an ihm. Wir müssen daher zuerst das Gute wählen, und ist dann die Wahl getroffen, fügt er das Seinige hinzu. Er kommt unseren Entschlüssen nicht zuvor, damit er unseren freien Willen nicht verletze. Haben wir uns aber zu Etwas entschlossen, dann gewährt er uns große Hilfe.

Homilien über den Brief an die Hebräer. Zwölfte Homilie. III.