Unsere Gesellschaft ist davon durchdrungen, dass wir unsere Identität aufgrund unserer Leistung definieren. Wir sehnen uns nach Anerkennung, daraus leiten wir unseren Wert ab. Das Problem dabei ist, dass wir nie zur Ruhe kommen. Unser Ego braucht ständig neue Bestätigung. Tim Keller zeigt in seinem Buch „Überraschende Freiheit: Wie Jesus von Selbstzweifeln und Perfektionismus befreit“ einen Ausweg aus dem Hamsterrad des „sich beweisen zu müssen“ auf.
Inhalt
Keller geht das Thema auf der Grundlage von 1 Korinther 3,21–4,7 an. Er zeigt auf, wie Paulus mit dem Thema umging. Doch bevor er da näher einsteigt, schaut er kurz darauf, wie sich die gegenwärtige westliche Gesellschaft bei diesem Thema von der traditionellen unterscheidet und macht eine wichtige Beobachtung. In der sogenannten „traditionellen Sicht“ waren die Menschen davon überzeugt, dass die Wurzel allen Übels der Stolz ist. Die Menschen sahen die Gefahr darin, dass sie zu viel von sich hielten. Der Konsens in der gegenwärtigen Gesellschaft sieht hingegen ein mangelndes Selbstwertgefühl als Wurzel allen Übels. Das Problem ist demnach, dass man von sich zu wenig hält. Keller zeigt auf, dass Paulus im 1. Korintherbrief weder die eine noch die andere Sicht bestärkt, sondern einen dritten Weg beschreitet.
In drei Kapiteln führt Keller das Thema aus.
1. Die natürliche Beschaffenheit des menschlichen Egos
– Es ist leer
Es ist über das normale, natürliche Maß aufgeblasen. Es bildet die Wirklichkeit nicht ab, sondern ist ein Zerrbild. Was über die Realität hinausgeht, ist nichts als heiße Luft.
– Es ist voller Schmerz
Es verlangt mehr Aufmerksamkeit von uns als gesund ist. Manchmal sagt jemand: „Du hast meine Gefühle verletzt“. Gefühle kann man nicht verletzen, das was verletzt wurde, ist das aufgeblasene Ego. Keller bringt als Beispiel ein Herz, welches angeschwollen (aufgeblasen) ist. Es verursacht Schmerzen, weil es nicht in seiner normalen Form ist.
– Es ist rastlos
Das Ego ist ständig auf der Jagd nach Aufmerksamkeit. „Es ist so wahnsinnig damit beschäftigt, die Leere zu füllen.“ Es kennt kein „Genug“ und ist nie zufrieden.
– Es ist zerbrechlich
Was aufgeblasen ist, steht in der Gefahr zu platzen. Wie ein aufgeblasener Luftballon, der mit einem spitzen Gegenstand (der Realität) in Berührung kommt.
2. Ein verändertes Selbstbewusstsein
Anhand von 1. Kor. 4,3 beschreibt Keller, welche Einstellung Paulus hatte. Er achtete nicht darauf, was die Korinther oder andere Menschen über ihn dachten. Es war ihm auch nicht wichtig, was er über sich selbst dachte. Der Apostel band seine Identität nicht daran, er dachte grundsätzlich weniger über sich selbst nach.
Keller schreibt über solch einen Menschen:
Der selbstvergessene Mensch ist das genaue Gegenteil. Jemand, dessen Ego nicht mehr aufgeblasen, sondern ausgefüllt ist, lässt sich durch Kritik nicht erschüttern. Er hört sie sich an und versteht sie als Gelegenheit, sich zu ändern. Klingt das zu idealistisch? Je besser wir das Evangelium verstehen, umso mehr wollen wir uns verändern. Wer von uns wäre nicht gern ein Mensch, der öffentliche Auszeichnungen nicht mehr nötig hat, sie aber auch nicht fürchtet? Wärst du nicht gern ein Mensch, der nicht mehr nach Anerkennung hungert, aber auch nicht erschrocken ist, wenn er sie bekommt? Ein Mensch, der, wenn er sich selbst im Spiegel sieht, nicht bewundert, was er sieht, aber auch nicht zusammenzuckt? Ein Mensch, der nicht in einem erträumten Leben herumsitzt und darüber fantasiert, wie er auf der Selbstwertskala noch ein paar Punkte mehr erzielen kann und von Erfolgen träumt, die ihm Vorteile vor anderen verschaffen?
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Dieser Mensch denkt nicht, wie in der modernen Gesellschaft, höher von sich. Er denkt aber auch nicht, wie in der traditionellen Gesellschaft, geringer von sich. Er denkt einfach weniger an sich.
3. Wie man diese veränderte Sicht von sich selbst erwirbt
Das Problem des Egos ist, dass es sich ständig nach einem Urteil durch andere sehnt. Letztlich wollen wir aber nicht immer wieder neu beurteilt werden, sondern ein endgültiges Urteil erhalten. Dieses endgültige Urteil können wir allerdings nie von Menschen erhalten, auch wir selbst können dies nicht fällen. Paulus schreibt: „Denn ich bin mir nichts bewusst; aber damit bin ich nicht gerechtfertigt, sondern der Herr ist es, der mich beurteilt.“ (1. Kor. 4,4)
Für ihn war nur ein Urteil entscheidend, das Urteil Gottes. Der Apostel verwendet in diesem Vers den Begriff der Rechtfertigung. Was gilt aber nun für einen Christen? Er ist durch Jesus Christus bereits gerechtfertigt. D.h. das endgültige Urteil ist bereits gesprochen.
Christen müssen nun nicht mehr leisten, um ein gutes Urteil zu erhalten. Sie dürfen sich in der Gegenwart Gottes freuen und ihm dienen, weil das Urteil bereits gesprochen ist und sie von Gott angenommen wurden.
Fazit
Tim Keller legt hier ein nur wenige Seiten starkes Buch vor, welches es aber in sich hat. Er zeigt deutlich unser Problem mit dem eigenen Ego auf, das dazu neigt entweder von der einen oder von der anderen Seite vom Pferd zu fallen. Die Lösung ist dabei erstaunlich und einfach: Weniger an sich selbst zu denken, weil Gott in Jesus Christus das endgültige Urteil bereits gesprochen und uns angenommen hat.
Keller hat das Thema sicherlich bewusst so knapp formuliert, um den Leser zum Nachdenken anzuregen. Zum Nachdenken über das Evangelium und wie es sich auf die Sicht von uns selbst auswirkt. Dies ist eine große Stärke des Buches. Es lohnt sich, das Buch durchzuarbeiten.
Hinweis: Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.
