Christuszentriert vs. Menschzentriert

Auf den ersten Blick wirkten die Pharisäer zur Zeit Jesu wie vorbildlich fromme Menschen: Sie fasteten regelmäßig, gaben den Zehnten und beteten öffentlich. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein anderes Bild. Sie dienten sich selbst und waren darauf bedacht vor den Menschen geehrt zu werden. Sie waren menschzentriert. Paulus hingegen ist ein eindrückliches Beispiel für jemanden, der auf Jesus ausgerichtet war. Im Philipperbrief schreibt er: „Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn“. Paulus lebte christuszentriert.

Doch was genau bedeutet christuszentriert und menschzentriert? Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden.

Eine christuszentrierte Ausrichtung zeichnet sich dadurch aus, dass Jesus im Mittelpunkt steht. Es geht um Gottes Ehre, um das Evangelium, seine Größe und sein Wirken. Jedes gute Werk entsteht durch das Wirken des Heiligen Geistes und Christen mit christuszentrierter Ausrichtung verstehen, dass sie völlig von Gott abhängig sind. Sie sind begnadigte Sünder und brauchen jeden Tag die Gnade Gottes. Sie konzentrieren sich nicht so sehr auf ihre Taten, sondern auf Jesus Christus. Sie bringen gute Werke hervor; diese sind allerdings Ausdruck der Liebe und Dankbarkeit aufgrund des Heilshandelns Gottes. Ein deutliches Beispiel für diese Ausrichtung ist der Zöllner aus dem Gleichnis Jesu, der nur ein kurzes Gebet sprach: „O Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Demgegenüber steht die menschzentrierte Ausrichtung, die von dem Blick auf den Menschen geprägt ist. Dies ist nicht immer direkt offensichtlich und kann in ein frommes Gewand gekleidet sein. Da wird viel von Sünden und von guten Werken gesprochen. Was fordert Gott, was erwartet er von den Menschen? Das Tun des Menschen rückt in den Fokus. Nicht, dass Gott überhaupt keine Rolle spielt, aber letztlich ist der Mensch hauptsächlich Gegenstand der Betrachtung. Der Pharisäer aus dem Gleichnis Jesu spiegelt diese Ausrichtung wider. Er betete: „O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen – Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner da. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme!“

Zu diesem Thema lassen sich verschiedene Aspekte betrachten; ich beschränke mich hier auf die Predigt. Es gibt menschzentrierte Arten der Verkündigung, in denen es praktisch nur noch um Politik, Umwelt oder Gesellschaft geht; diese möchte ich hier nicht näher behandeln. Vielmehr geht es mir um Predigten, die biblische Inhalte weitergeben, ohne christuszentriert zu sein. Da kann ein Prediger 30 Minuten lang über die Geduld sprechen und alle möglichen Ausführungen dazu machen. Er entfaltet ausführlich, warum Geduld wichtig ist und welche Folgen Ungeduld hat. Er liest vielleicht auch eine Reihe von Bibelstellen und stellt Beispiele aus der Schrift vor, um seine Ausführungen zu unterstreichen. Er spricht darüber, wie wichtig es ist, diese Geduld im Leben Wirklichkeit werden zu lassen und dass Gott dies erwartet. An sich hat er nichts Falsches gesagt. Was ist aber das Problem? Christus fehlt in dieser Predigt; es geht nur um den Menschen und was er zu tun hat. Der Mensch steht alleine da und muss lernen, geduldig zu sein; er ist auf sich selbst geworfen. Das ist menschzentrierte Verkündigung. Kaum Bezug auf Christus und sein Wirken, kaum Bezug auf Gott, der so viel Geduld mit uns Menschen hat. Kaum Bezug auf das Evangelium, welches die Quelle der christlichen Ethik ist.

Menschzentrierte Verkündigung ist, überspitzt formuliert, eine Ethikvorlesung. Eine solche Predigt würde in einer Synagoge kaum Anstoß erregen. Die Geister scheiden sich an Christus. Christliche Ethik ist nicht das Herz des Christentums. Natürlich ist Ethik wichtig und Christen zeichnen sich durch gute Werke aus, doch entscheidend ist eine Person: Jesus Christus. Hier zeigt sich, ob es um Religion oder echten Glauben geht. Religion möchte gute Werke hervorbringen, um Gott gnädig zu stimmen. Echter Glaube hingegen bringt gute Werke hervor, weil Gott uns bereits in Christus gnädig gestimmt ist und weil wir im Vertrauen auf Jesus schauen. Genau das ist ein Ziel christuszentrierter Verkündigung: Den Blick auf ihn zu richten und in Liebe und Dankbarkeit zu wachsen.

Michael Golubin hat den Unterschied zwischen den beiden Predigtarten mal gut auf den Punkt gebracht: „Manche verkündigen Christus, der wegen der Sünde gestorben ist. Andere verkündigen die Sünde, für die Christus gestorben ist.“ Wenn nun jemand die Sünde verkündigt, für die Christus gestorben ist, also z.B. über den Zorn und die damit einhergehenden Probleme spricht, welche Hoffnung erhält dann der Zuhörer, der mit dieser Sünde konfrontiert wird? Soll er sich mehr anstrengen und sich besser disziplinieren? Wo kommt die Kraft für Veränderung her? Bei einer menschzentrierten Predigt muss der Mensch mit seinem Problem selbst fertig werden. Das Ergebnis ist dann entweder Resignation und Verzweiflung oder Stolz. Entweder stellt der Zuhörer fest, dass er einfach nicht in der Lage ist, alleine mit dieser Sünde fertig zu werden, oder er meint, dass er damit kein Problem hat und gut dasteht. In beiden Fällen ist dem Zuhörer nicht geholfen; er ist auf sich selbst geworfen.

Christuszentrierte Predigt hingegen legt den Fokus auf Jesus, der für unseren Zorn gestorben ist und selbst nie in sündiger Weise zornig wurde. Sie legt offen, wie verdorben unser Herz ist und wie unfähig wir selbst im Ablegen dieser Sünde sind. Dann werden wir aber zu Christus geführt, der unsere Kraft ist, der uns immer wieder vergibt und uns helfen will. Da er keine Sünde getan hat, kann er uns den Sieg geben. Christuszentrierte Verkündigung macht uns demütig, da sie unser zutiefst sündhaftes Wesen aufzeigt, aber gleichzeitig tröstet und stärkt sie uns, da unsere Zuversicht in Jesus ist.

Ich erinnere mich daran, wie ich einmal eine Predigt schreiben musste, die anschließend bewertet wurde. Als ich sie zurückbekam, wurde angemerkt, dass eine praktische Anwendung fehle. Dabei war es gar nicht mein Ziel, eine solche zu formulieren. Mein Anliegen war vielmehr, Christus groß zu machen und die Zuhörer zur Anbetung zu führen. Gerade darin sehe ich ein Problem einer stark menschenzentrierten Verkündigung: Sie verlangt zwingend nach einer praktischen Anwendung. Wenn der Mensch im Zentrum steht, entsteht schnell die Erwartung, dass er konkrete Anweisungen erhalten muss, schließlich geht es um ihn und sein Wirken. Der Fokus liegt dann darauf, dass der Mensch aktiv wird und sein Leben verändert. Ich möchte die praktische Anwendung keineswegs abwerten – sie ist wichtig, aber nicht in jedem Fall notwendig. Wenn eine Predigt dazu führt, dass Jesus angebetet wird und die Liebe zu ihm wächst, dann ist bereits ein wesentliches Ziel erreicht.

Tim Keller erzählt hier, wie seine Frau Kathy ihn auf das Thema ansprach. Sie sagte zu ihm: „Es ist für mich dann eine Predigt, wenn sie Jesus zum Zielpunkt hat. Oft predigst du: ‚Du sollst das tun und das sollst du tun!‘ Ich weiß das, ich sehe das und fühle mich schuldig. Aber wenn du darüber sprichst, dass wir das aus uns selbst heraus nicht tun können, wenn du auf Jesus hinweist und darauf, dass er dies alles gehalten hat und für uns gestorben ist und in uns wirkt, sodass wir seine Gebote halten können, dann macht es einen Unterschied. Dann habe ich Hoffnung und will es tun.“

In den meisten Fällen haben wir kein Wissensproblem. Wir wissen, dass wir nicht lügen sollen, nicht begehren sollen was der Nächste hat und keinen Stolz zulassen sollen. Unser Problem ist anders gelagert. Es ist ein Problem des Wollens oder des Könnens. In manchen Fällen wollen wir eine Sünde aus unserem Leben ausmerzen, aber wir schaffen es nicht. Unsere Charaktersünden haben sich so tief in uns eingeprägt, dass wir sie einfach nicht los werden. In anderen Fällen wollen wir die Sünde nicht lassen, weil wir sie lieben. Sowohl im ersten als auch im zweiten Fall wird uns eine menschzentrierte Predigt wenig nützen. Sie vermittelt Wissen, sie appelliert an unseren Willen, sie versucht uns, zum Tun des Guten zu motivieren, doch sie löst weder das Problem unseres Willens noch das Problem des Könnens. Die christuszentrierte Predigt adressiert beide Probleme. Sie zeigt die Größe und Schönheit Jesu auf und fördert die Liebe zu ihm. Außerdem weist sie auf den hin, der vollkommen ist und in uns wirkt. Er befähigt uns zum Halten seiner Gebote.

Wir brauchen eine christuszentrierte Ausrichtung, die sich u.a. in der Predigt zeigt. Sie ist vom Evangelium durchtränkt, malt Jesus in seiner ganzen Schönheit vor Augen und vertieft unsere Liebe zu ihm. Wir brauchen eine Verkündigung, die uns einerseits unsere Sünde klar aufzeigt, aber andererseits auch unsere Hoffnung in Jesus Christus stärkt. Eine auf Christus ausgerichtete Predigt wird zu Veränderungen führen. Die Liebe zu Christus und das Wissen um seine Kraft werden wichtige Säulen für das Wachstum in der Heiligung sein. Wenn das Zentrum das Zentrum bleibt, dann hat die Verkündigung Kraft, wird Veränderung im Leben von Menschen bewirken und ihnen gleichzeitig Hoffnung geben. Sie sind im Kampf gegen die Sünde nicht auf sich alleine gestellt, sondern dürfen durch Christus wachsen. Diese Verkündigung richtet den Blick auf den, der der Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens ist und gibt ihm allein die Ehre – weil er das Zentrum ist, von dem alles ausgeht.