In der Bibel werden unterschiedliche Kriterien genannt, die für den Dienst des Ältesten vorausgesetzt werden. Eine dieser Voraussetzungen ist die Lehrfähigkeit. Sowohl in 1. Timotheus als auch in Titus wird dieses Kriterium genannt. Doch was heißt Lehrfähigkeit konkret?
einer, der sich an das zuverlässige Wort hält, wie es der Lehre entspricht, damit er imstande ist, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen als auch die Widersprechenden zu überführen.
Titus 1,9
Der Apostel beschreibt hier einen Mann, der sich an das zuverlässige Wort hält, d.h. zunächst, dass das Wort für ihn die höchste Autorität hat und alles andere darunter einzuordnen ist. Weiter hält er sich an das Wort, d.h. er argumentiert mit der Schrift, er entfaltet die Schrift, er ermahnt mit der Schrift, er überführt mit der Schrift, er ermutigt mit der Schrift. Wenn es darum geht jemanden zu überzeugen, dann geschieht das immer auf dem Fundament des Wortes. Er verkündet nicht seine eigene Weisheit, seine eigenen Vorstellungen, sondern hält sich an das zuverlässige Wort. Er kann die wesentlichen Wahrheiten des Christentums erklären und hat größere Zusammenhänge im Blick. In der Gemeinde hören die Menschen auf ihn, da er das Wort entfaltet und dem Wort Raum gibt. Er ist ein Mann der Schrift.
Er ist davon überzeugt, dass die Schrift zuverlässig ist, d.h. dass sie für den Glauben völlig ausreicht und genügt, um Christen reif werden zu lassen. Er glaubt, dass die Schrift zuverlässig ist, indem sie die Herzen der Menschen verändert und mit großer Kraft wirkt. Er ist sich also bewusst, dass nicht seine eigenen Argumente entscheidend sind, sondern das zuverlässige Wort Gottes.
Somit ist er in der Lage den Widersprechenden Antworten zu geben und mit der gesunden Lehre zu ermahnen. Er ist also im Wort bewandert und seine Lehre ist in der Schrift fundiert und baut nicht auf Traditionen, Verstand oder Erfahrung auf (wiewohl diese Quellen hilfreich und nützlich sind).
Ein weiterer wichtiger Punkt ist hier die Ermahnung mit der gesunden Lehre. Mit der gesunden Lehre kann nur der ermahnen, der diese auch kennt. Das wird hier vorausgesetzt. Was versteht Paulus unter dem Begriff „gesunde Lehre“? Es ist die wahre Lehre, keine fremde oder neue Lehre, sondern die getreue Weitergabe dessen, was Gott gesagt hat. Diese Lehre sorgt für eine gesunde Entwicklung unter den Christen, sie fördert das Wachstum zu Christus hin und lässt die Kinder Gottes reif werden. In Titus 2,2-10 gibt Paulus ein Stück gesunde Lehre wieder. Die gesunde Lehre spricht in das Leben der Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Situation konkret hinein. Aus 1. Tim. 1,10b-11 geht hervor, das der Inhalt der gesunden Lehre das Evangelium ist. Wer das Evangelium verkündet, der verkündet gesunde Lehre. Das Evangelium umfasst alles, was für den Christen wichtig ist, es ist für die Rettung und für ein Leben in Gottesfurcht völlig ausreichend. Genau das sagt Paulus in 1. Tim. 6,3 über die gesunde Lehre. Sie entspricht dem, was Jesus Christus gesagt hat, sie ist damit deckungsgleich. Somit zeichnet einen Lehrer im Sinne der Schrift aus, dass er das Evangelium gründlich verstanden hat und in seiner Verkündigung immer präsent ist.
Es geht bei der Lehrfähigkeit also nicht in erster Linie um didaktische oder rhetorische Fähigkeiten, sondern um den richtigen Inhalt. Das geht klar aus den Pastoralbriefen hervor. Die didaktischen Fähigkeiten sind dabei nicht bedeutungslos, sie sind zweitrangig.1
Der weitere Text im Titusbrief bringt noch klarer zum Ausdruck, was Paulus meint:
Denn es gibt viele widerspenstige und leere Schwätzer und Verführer, besonders die aus der Beschneidung. 11 Denen muss man den Mund stopfen, denn sie bringen ganze Häuser durcheinander mit ihrem ungehörigen Lehren um schändlichen Gewinnes willen. 12 Einer von ihnen, ihr eigener Prophet, hat gesagt: »Die Kreter sind von jeher Lügner, böse Tiere, faule Bäuche!« 13 Dieses Zeugnis ist wahr; aus diesem Grund weise sie streng zurecht, damit sie gesund seien im Glauben 14 und nicht auf jüdische Legenden achten und auf Gebote von Menschen, die sich von der Wahrheit abwenden.
Titus 1,10-14
Paulus präsentiert hier gewissermaßen das Kontrastprogramm zu den Ältesten. Er spricht hier über Irrlehrer, die Menschen durcheinanderbringen und ihnen statt der Wahrheit jüdische Legenden und Menschengebote vermitteln. Diese Menschen stehen nicht auf dem Fundament der Schrift, sie haben sich ihr eigenes Fundament aufgebaut. Damit zeigt Paulus auch auf, was Älteste und generell Christen nicht ausmacht. Sie verbreiten keine ungehörigen/ ungesunden Lehren, sie achten nicht auf jüdische Legenden, sie beschäftigen sich nicht mit Menschengeboten, sie bringen Menschen nicht durcheinander, sondern verkündigen die Wahrheit.
Genau solchen Irrlehrern soll der Älteste den Mund stopfen. Nicht durch seine klugen Reden, sondern durch die Schrift. Lehrfähig bedeutet also, dass man die Irrlehrer mit der Schrift zurechtweisen und die Gemeinde schützen kann. Der Älteste ist in der Lage, diese falschen Lehren zu erkennen, die häufig in einem frommen Gewand daherkommen. Dies setzt voraus, dass er die rechte, die gesunde Lehre gut kennt, denn nur dann wird er Irrlehren erkennen können.
Lehrfähigkeit bedeutet allerdings nicht automatisch, dass der Älteste auch predigen muss oder soll.
Die Ältesten, die gut vorstehen, sollen doppelter Ehre wertgeachtet werden, besonders die, welche im Wort und in der Lehre arbeiten.
1. Tim. 5,17
Hier unterscheidet der Apostel zwischen Ältesten die im Wort und der Lehre arbeiten und solchen die es nicht tun. Damit ist nicht gemeint, dass die Zweitgenannten nicht mit dem Wort arbeiten, es bedeutet nur, dass sie nicht unbedingt die Hauptpredigt halten müssen. Sie sind genauso im Wort verankert und lehrfähig, ihr Schwerpunkt liegt nur an einer anderen Stelle. Sie arbeiten z.B. stärker im Bereich der Jüngerschaft und Seelsorge und unterweisen dort die Christen im Wort.
Die Lehrfähigkeit ist also eine wichtige Fähigkeit, die ein Mann Gottes mitbringen muss, um für den Dienst des Ältesten geeignet zu sein. Die Fähigkeit bezieht sich dabei nicht primär auf seine didaktischen Fähigkeiten, sondern auf das Verständnis und die Verkündigung der rechten Lehre. In der Praxis zeigt sich die Lehrfähigkeit dann nicht nur im Predigtdienst, sondern auch bspw. im Bereich der Seelsorge.
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1https://christusallein.com/2019/02/25/wann-ist-jemand-lehrfaehig/
